Berdan statt Boxer

Berdan statt Boxer

Ab und an gibt es Munition im Angebot, die offensichtlich für den militärischen Bereich gedacht war. Etwa 20 Jahre alt war die Charge, die ich kaufte. Neuere Serien haben einen ausgefrästen Boden. Vermutlich um die für den zivilen Bereich unangebrachte Bezeichnung „DAG 91-229 ⊕“ unkenntlich zu machen. Dafür erhält die Patrone seitlich einen Aufdruck, wie in meinem Beispiel „SM 308WIN“. Als Geschoss kommt der Typ DM111 zum Einsatz, welches als Geschossmaterial Blei, Stahl, Zinn und Kupfer beinhaltet. Der Boden des Geschosses ist verkapselt, was es schadstoffärmer macht als Geschosse mit offenem Boden. Preislich bei ca. 230,- € für 500 Stück und damit kaum günstiger als z.B. fabrikfrische 308 von PPU als Boxerzündungshülse (ca. 280,- € für 500 Stück). Zudem ist die Surplusmunition dreckig und riecht nach muffigem Keller. Ein paar Patronen in der Hand gehabt und angeschaut, schon waren die Hände sichtbar schmutzig.

Aber es geht hier weniger um die fertige Patrone, sondern um das Wiederladen.

Die abgeschossene Hülse hat ein 5,5mm breites Zündhütchen, dass auch noch an mehreren Stellen gecrimpt ist. Zusätzlich sieht man an der Fuge, dass eine Art Lack zum Einsatz kam. Vermutlich auch um das Eindringen von Feuchtigkeit zu verhindern.

Aufgaben, die es zu bewältigen gilt:

  1. Das alte Zündhütchen entfernen: Berdanzündhütchen haben kein zentrales Zündloch, sondern mittig einen Amboss, der beim Boxerzündhütchen integriert ist und außen rum 2 Zündlöcher mit einem Durchmesser von ca. 0,9mm. Die beiden Zündlöcher sind ca. 4mm voneinander entfernt (mittig gemessen).

Erster Versuch: Das Zündhütchen von Innen ausstoßen. Versucht habe ich das mit einem Stahlstift. 0,9mm ist nicht wirklich viel und rausbekommen habe ich es damit nicht. Im Dunkeln der Hülse eines der beiden Zündlöcher zu treffen, ist weder schnell noch einfach.

Zweiter Versucht: Die Wasserdruckmethode. Die Hülsen in einen passenden Hülsenhalter auf ein Holzbrett stellen und mit Wasser füllen. Ein saugend passender Schraubenzieher oben in die Öffnung und mit gezielten Hammerschlägen Druck aufbauen, damit es das Zündhütchen rausdrückt. Auch dies gelang mir nicht. In einem Video eines französischen (oder belgischen?) Wiederladers konnte ich aus der Übersetzung entnehmen, dass ihm das ebenfalls mit diesen Zündhütchen nicht gelungen ist.

Dritter Versuch: Mit einem kleinen Bohrer mittig in das Zündhütchen bohren, bis es gerade so durchdrungen ist und man den Amboss sieht. Danach mit einer großen Holzschraube das alte Zündhütchen rauspopeln. Leider nahm der Amboss ein paar Mal Beschädigungen mit. Ob sie für die Zündung noch ausreichen, wird sich zeigen.

  • Kalibrieren: Da die Hülse schon optimal an das Patronenlager angepasst ist, braucht man nur noch den Hülsenhals zu kalibrieren. Empfehlen kann man dazu entsprechende Hülsenhalskalibriermatrizen. Wichtig hierbei ist, dass die Matrize keinen Zündhütchenausstoßer hat. Dieser würde beim ersten Versuch direkt abbrechen.
  • Trimmen: Die Hülse kann regulär auf 51mm gekürzt werden. Entweder im Hülsentrimmer für den Tisch oder z.B. Lee Quick Trimm.
  • Waschen, polieren: Das geht hier wie bei anderen Hülsen auch.
  • Zündhütchen setzen: Verwendet habe ich 5,5mm Large Rifle Zünder „KV-24N von Murom. Diese sind in der 1000er Packung bezahlbar. RWS wäre da die Alternative. Vor dem setzen des Zündhütchens sollte man die Kanten der Zündhütchenglocke abrunden. Dies geht z.B. mit dem Hülsenmundschneider, der den Hülsenhals am Ende außen und Innen entgratet. Gesetzt habe ich das in der RCBS Rock Chucker Supreme Einstationenpresse und dem Zündhütchenarm für große Zündhütchen. Da die Boxerzündhütchen „large rifle“ mit 5,33mm etwas kleiner sind, wird es vermutlich in Setzgeräten zu Problemen kommen. In den Zündhütchenarm von RCBS, der bei der Presse dabei ist, pass das Zündhütchen gerade noch. Setzen kann man hier wie gehabt. Da bei diesem Vorgang, anders wie bei Boxerzündhütchen, der Abstand von Zündsatz und Amboss mit der Hand und Druck verändert wird, sind zusätzliche Schutzmaßnahmen empfehlenswert. Denn setzt man es zu grob und zu tief, ist eine Zündung nicht ausgeschlossen. Daher habe ich einen Gehörschutz und eine Schutzbrille getragen.
  • Was auffällt ist, dass das Zündhütchen tiefer sitzt als das Originale (0,45mm tiefer). Ob das zur Zündung reicht, wird sich zeigen.

Fazit

Davon ausgehend, dass alles funktioniert, erhält man wieder eine ausgezeichnete Patrone. Jetzt kann man entweder mit einer Matchlaborierung weitermachen oder wieder eine Laborierung mit DM111 Geschoss verwenden. Die gibt es im Handel für etwas über 100€ per 1000, sollten aber gereinigt werden.

Auch wenn es mir wiederstrebt Messinghülsen zu entsorgen, der Aufwand für Berdanhülsen ist mir persönlich zu hoch. Hauptsächlich das Entzündern ist das Problem. Stattdessen werde ich die Hülsen dem Standbetreiber spendieren, wenn die Zündhütchen aufgebraucht sind. Das könnte sich ändern, wenn ich eine Methode entwickelt habe, die Zündhütchen schnell zu entfernen, ohne die Hülse zu beschädigen. Mein Tipp: Wer günstig trainieren will und dabei sparen will, der holt sich die Geschosse im 1000er Pack, macht sie sauber und verlädt sie in Boxerhülsen.

Um magnetische Geschosse gibt es viel Diskussion. Ob diese härter sind und damit einen erhöhten Verschleiß verursachen, kann ich nicht sagen. Ja, sie sind härter und ob sich das rechnet, wenn man vom eingesparten Geld einen neuen Lauf kauft, hängt wohl vom Laufmaterial ab. Wer zweifelt, nimmt z.B. Hornady HPBT 168gr Geschosse. Die gibt es aktuell für ca. 230,- € im 1000er Pack.

03.2020

[Aktualisiert] Die wiedergeladenen Patronen haben gezündet. Bei einer Patrone war der Amboss etwas angebohrt und daher etwas kürzer. Das Resultat war ein durchschlagenes Zündhütchen. Die Patrone hat zwar prima gezündet, aber sie hat durch das beschädigte Zündhütchen Qualm zurückgeblasen. Das verschmutzt das System und qualmt den Schützen ein. Also beim Entfernen des alten Zündhütchens auf einen unbeschädigten Amboss achten.

Es gibt ab und an Entzünderungsgeräte für Berdanhülsen. Einen Hersteller habe ich dazu nie gefunden. Daher vermute ich einen Eigenbau, bei dem die Hülse kopfüber auf einen Dort gestülpt wird und dann mit einem Hebel Druck auf den Hülsenboden ausgeübt wird. Das soll bei besonders kleinen Zündlöchern und Zündhütchen-Crimp Probleme bereiten. Wer aber das Zündhütchen schon Mal getauscht hatte, dürfte damit das alte Zündhütchen problemlos entfernen können.

05.2020